Ethisches Handeln im Yoga – Berichte aus der Arbeit mit traumatisierten Menschen

04.07.2019 | Artikel, Erfahrungsberichte, Traumasensibles Yoga (TSY)

Artikel Deutsches Yoga Forum – Heft 03-2019

Traumatische Erfahrungen erschüttern die Grundfeste der Betroffenen zu tiefst. Der Glaube an sich selbst und das Vertrauen in andere sowie das Leben im Allgemeinen geht verloren. Die Fähigkeit etwas zu spüren – vor allem sich selbst – ist gestört oder sogar abhandengekommen.

In einem solchen Zustand erscheinen innere und äußere Werte verloren gegangen. Aus dieser Orientierungslosigkeit heraus sind Menschen ihren Affekten ausgeliefert und in Opfer- und/oder Tätermustern gefangen. Mitgefühl für sich oder andere ist nicht möglich. Das ist ein Nährboden für weitere Gewalt und Übergriffe.

Seit sechs Jahren gibt es den Arbeitskreis „Yoga und Trauma“. Er hat es sich zum Ziel gesetzt für dieses Thema zu sensibilisieren (s. DYF 4/2014) und kann inzwischen auf unzählige Fort- und Ausbildungen, kleine und große Projekte, Kooperationen mit Institutionen und Berufsverbänden hinweisen. Es ist sowohl in Yoga- als auch in therapeutischen und medizinischen Kreisen ein neues Bewusstsein entstanden, dass Yoga traumatisierte Menschen sehr gut unterstützt, indem es sie stabilisiert, Symptome mildert, Selbstvertrauen stärkt und ein neues Gefühl für die verloren gegangene eigene Würde wachsen lässt.

Wir möchten anderen Yogalehrenden Mut machen und gleichzeitig den Blick dafür schärfen, dass es in unserer Gesellschaft viele Menschen gibt, die in Notlagen sind. Eigentlich sollte die Würde des Menschen unantastbar sein, wie es schon unser deutsches Grundgesetz deklariert. Die Realität sieht leider anders aus. Menschen müssen Gewalt, Krieg, Folter, körperlichen und seelischen Missbrauch erleben, sind auf der Flucht, von Armut und existentieller Not betroffen, leben in unwürdigen Lebensverhältnissen. Der Neurobiologe Gerald Hüther schreibt in seinem Buch „Würde“: „Unsere Würde zu entdecken, also das zutiefst Menschliche in uns, ist die zentrale Aufgabe des 21. Jahrhunderts.“

Würde ist nicht einfach da. Sie will sich entwickeln, sie braucht ein Umfeld in dem es möglich ist, eigene Bedürfnisse und Befindlichkeiten wahrzunehmen und auszudrücken. Sie kann nur in einem zwischenmenschlichen Klima gedeihen, das von gegenseitiger Achtung, Respekt voreinander und Einfühlung geprägt ist. Es braucht Beziehungen auf Augenhöhe, von einem Subjekt zum anderen – das Alter spielt dabei keine Rolle. Leider sind Menschen oft Umständen ausgesetzt, in denen sie zum Objekt für die Wünsche anderer gemacht werden, im privaten, beruflichen und/oder gesellschaftlichem Kontext.

Angela Dunemann arbeitet seit mehr als 30 Jahren in der stationären Jugendhilfe im Albert-Schweitzer-Kinderdorf Wetzlar mit komplex und früh traumatisierten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. 

„Vertrauen, Sicherheit und Beziehung sind elementare Voraussetzungen, um sich gesund entwickeln zu können. Genau dies hat vielen Kindern und Jugendlichen, die nicht in ihren Herkunftsfamilien leben können, gefehlt. Stattdessen mussten sie Gewalt, Vernachlässigung und Trennungen erleben. Das hat gravierende Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und Empathievermögen. Sich selbst nicht zu spüren, kann tiefe Selbstzweifel und Unsicherheit auslösen. Reden allein kann hier nicht wirklich helfen. Außerdem haben Kinder die traumatischen Erfahrungen häufig in einem vorsprachlichen Alter gemacht und Jugendliche wollen meistens nicht über früher reden, sondern in der Gegenwart klarkommen und Zukunftsperspektiven entwickeln. Seitdem ich Yogaübungen in die Traumatherapie integriere stehen mir ganz neue Möglichkeiten zur Verfügung. Die Kinder und Jugendlichen stabilisieren sich schneller und beginnen nach einiger Zeit wie von selbst über ihre Erfahrungen zu sprechen. Unter Einbezug des Körpererlebens können diese Ereignisse besser integriert werden als ich das früher erlebt habe.

Sylvia Reschke übt im Projekt „Makanuna“ – arabisch für „unser Ort“- gemeinsam mit Frauen Yoga an 3 Standorten in Berlin. In den Zentren von „Al-Dar“, einem Verein, der Familien arabischer Herkunft seit 1984 beratend und betreuend zur Seite steht, kommen sie zusammen; was die Frauen eint, ist, dass ihre Biographien ein Flüchtlingshintergrund umfasst, bei dem die Erfahrung von Entwurzelung durchlebt wurde. 

Solche nicht selten als traumatisch erlebten Ereignisse reißen Betroffene aus der sicheren Verankerung in ihrem Körper. Der Mensch sieht sich konfrontiert: mit einem zu viel, zu schnell, zu plötzlich. Es gilt nun, den Raum von Selbstwirksamkeit „groß“ zu machen. Eine Gegenwärtigkeit mit neuen Möglichkeiten wieder zu empfinden. „Über vermehrtes Spüren nach Innen wird die Fähigkeit zur Interozeption verbessert. Dieser Kontakt zum Eigenen vermag Sicherheit über sich selbst neu aufzubauen und ist begleitet durch mehr Körperbewusstsein“, beschreibt Sylvia Reschke ihre Motivation für das traumainformierte Üben.

Die Frauen treffen sich hier einmal wöchentlich im gewohnten Rahmen und das Angebot ist bei Bedarf begleitet durch psychologische Beratungsstunden. Im Zentrum der Praxis steht, sich auf isolierte Bewegungen zu konzentrieren, eine eigene Auswahl zu treffen und den eigenen Rhythmus zu finden und sich insgesamt der Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten erneut zu vergewissern.

Es gilt, das Erstarrte, Taube oder auch Übersensible, über das Leiblich-handfeste wieder zu mehr Wohl-Sein zurückzuführen. Yoga ist ein wunderbares Werkzeug dazu, da es so vieles zur Stabilisierung bereithält. Sich im Kontakt zum eigenen Körper als sicher und positiv zu erleben, bietet die beste Basis für stabiles Handeln. Schon allein die Wahrnehmung der Körperaußengrenze kann dabei unserem Bewusstsein Halt geben und jede bewusste Handlung – quasi „karmendriyas“ verstanden als Tatvermögen- hinterlässt greifbar ein „Mehr“ an Vertrauen in die eigene Wirksamkeit.

Sich in Würde aufrichten und an einen Ort zurück zu finden, wo man sich zuhause fühlen kann, könnte daher treffend umschreiben, worum es hier beim gemeinsamen Üben generell geht. Ethisches Handeln versteht sich als ein Versuch aller, zu sich selbst in Klarheit zurückzufinden ohne Traumastörungen oder dissoziative Anteile; es ist der Versuch, kultursensibel und integrativ zu agieren und traumainformiert aufzuklären.

Katrin Funke arbeitet in Berlin und Traumasensibles Yoga bildet die Basis für ihre Arbeit im Gruppenkontext (Frauengruppen, Haftanstalten, Kliniken) und ihre trauma- und körpertherapeutische Tätigkeit im Einzelsetting. 

„Seit einigen Jahren biete ich in einer Berliner Haftanstalt Yoga für Inhaftierte an und bewege mich mit diesem Angebot in einem Raum, in dem das ethische Handeln für alle Beteiligten ein heikles Thema ist. Im Traumasensiblen Yoga stellen wir das gegenwärtige körperliche Erleben in den Fokus der Praxis und versuchen, ein achtsames, bewertungsfreies Gewahrsein zu entwickeln. Dies ist für Traumatisierte – Täter sind in der Regel traumatisiert, ohne darüber ein Bewusstsein zu haben – eine große Herausforderung. Die an sie herangetragene Forderung nach zukünftigem ethischen Handeln kann nur „eingelöst“ werden, sofern ein Bewusstwerden und Würdigen der eigenen Lebensgeschichte und Taten stattfindet. Dies ist ein langer Weg, auf dem es eine sichere Bindung und Vertrauen braucht – Grundfeste, die in der Haftanstalt selten gegeben sind. Traumasensibles Yoga setzt an dieser Stelle an, indem es mit wahrnehmungsorientierten Übungen die Spürfähigkeit fördert und zu einem gewaltfreien, fürsorglichen Umgang mit dem eigenen, zumeist chronisch schmerzenden Körper und den oft als unkontrollierbar empfundenen Emotionen einlädt. Die Sensibilisierung für das eigene Empfinden und die Erfahrung, in den Übungen eine neue Autonomie über das gegenwärtige Handeln zu gewinnen, stärken das Gefühl, dem eigenen (Er-)Leben (wieder) eine Richtung geben zu können. Ein Wegstein, der die Selbstannahme begleitet und in der Gruppe wieder für einen Moment zum Atem und Innehalten zurückführt.“

Der Yogalehrer Joachim Pfahl kennt sich aus mit traumatisierten Menschen. Seit Jahrzehnten arbeitet er in unterschiedlichen Kontexten mit Betroffenen, u.a. beim Militär, der Polizei und in Gefängnissen. Sein sanfter, umfassender Yoga Stil unterstützt, in sich selbst ein zu Hause zu finden:

Der Körper bin ich – nur etwas fester. Gerade im Körper sind traumatische Erlebnisse abgespeichert. In der Traumatisierung ist die Abspaltung vom Körper eine Schutzfunktion das Leid, den Schmerz nicht spüren zu müssen. Solange keine Möglichkeit besteht, sich anschließend an die Traumatisierung zu erinnern, ohne getriggert zu werden, ist diese Schutzfunktion weiterhin aktiv. Traumsensibles Yoga ist das sensible Einladen, den Körper wieder als sicheren Ort zu erleben und damit Zugang zu sich selbst zu finden, in sich selbst und im Körper zu Hause zu fühlen. Yoga steigert die Fähigkeit präsent sein zu können und damit die Fähigkeit mit verletzten Gefühlen in Kontakt treten zu können und sie zu spüren, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Etwas was keine Liebe und Aufmerksamkeit in der Abspaltung bekam, bekommt jetzt diese Zuwendung, kann atmen – kann heilen. Die Abspaltung wird aufgelöst, so ist es möglich wieder ganz zu sein und „heil“ zu werden.

Regina Weiser beschreibt in ihrem Beitrag über einen Mutter-Kind-Kurs im Flüchtlingsheim in Freiburg ganz praktisch wie mit Yoga Integration stattfindet. 

Für die Arbeit im Flüchtlingsheim ist mir ein gleichbleibender Beginn und ein festes Ende wichtig. Wir sitzen im Kreis, damit jede Frau jede andere sehen kann. (Für viele traumatisierte Menschen ist eine Kontrolle der äußeren Situation wichtig. In einer Reihe, bei der die Teilnehmer hintereinander sitzen, fällt daher Entspannung oft schwerer.) Nachdem jede Frau ihre Matte gefunden hatte, fassten wir uns an den Händen und begannen mit der 1. Yoga-Übung: Einatmend wurden die Arme gemeinsam nach oben gestreckt mit einer leichten Rückbeuge und begleitet von dem Wort: „Guten“, danach ausatmend eine Vorbeuge, bei der die Arme nach unten und hinten geführt werden, und das Wort „Morgen“ ertönt. Dieses erste Verbinden von Bewegung, Atem und gedanklicher Ausrichtung ließ ein strahlendes Schmunzeln auf vielen Gesichtern entstehen, die TeilnehmerInnen liebten es, manchmal wurde es 5 bis 7 mal wiederholt. Zu Begrüßung gehörte auch, dass jede Frau sich mit Namen vorstellte: „Ich bin Ayshe (z.B.)“, worauf die Gruppe antwortete „Guten Morgen Ayshe!“ So wie im Kreis jeder gesehen werden kann, fühlte sich durch dieses kleine Ritual nochmal jeder angesprochen und integriert. Beim Abschied wieder im Kreis wird einatmend und Arme hebend „Auf“ gesprochen und ausatmend wird die Vorbeuge von dem Wort „Wiedersehen“ begleitet, sowie einatmend „Bis zum“ und ausatmend „nächsten Mal“.

Wir klärten gemeinsam, wo rechts und links ist, welches der rechte Arm und welches das linke Bein ist. Neben der Sprachübung wird so das Körperbild geschult, das die Grundlage für das Selbstbild bildet, das Körperbewusstsein fördert das Selbstbewusstsein. Sie lernen die Wörter „einatmen“ und „ausatmen“ oder nur kurz „ein“ und „aus“, das Wort „Pause“ (zum Nachspüren oder Vergleichen der Seiten), vieles wird automatisch nachgesprochen. Gemeinsam mit der Bewegung wird deutlich, wo vorne und wo hinten ist, oder was „öffnen“ und „schließen“ bzw. „innen“ und „außen“ heißt.  (Manchmal hilft eine Frau, die die deutsche Sprache schon besser spricht, wenn Begriffe wie „Baum oder Wurzel oder Herz oder Füße“ übersetzt werden müssen.) Die Verarbeitung von traumatisierenden Erinnerungen findet im Wechsel zwischen Auftauchen lassen und wieder sinken lassen statt. Daher achte ich darauf, dass beruhigende stille Übungen, bei denen die Seele schweifen kann und eventuell alte Erinnerungen auftauchen, sich abwechseln mit schwingend (beschwingenden) und befreienden Übungen, wie z.B. dem Schütteln oder Schwingen. Beim Üben der sieben Richtungen der Wirbelsäule (Ein immer oben, dann AA mal vor – rück, beugen rechtslinks, drehen rechtslinks) zählen alle gemeinsam 1, 2, 3, 4, 5, 6 bis 7.

Schwarzafrikanerinnen machen mit arabisch sprechenden Kopftuch tragenden Frauen gemeinsam Partnerübungen z.B. bei Gleichgewichtshaltungen. Ein- bis zweijährige Kinder schauen zu und versuchen manchmal Yoga-Posen mitzumachen. Das Beobachten der kindlichen Unbefangenheit wirkt entspannend auf die oft verspannt und ungelenkig wirkenden Frauen und vermittelt indirekt: Es kommt nicht auf Perfektion an, Üben ist wichtiger als Können. Andere Kinder halten sich lieber in ihrer Spielecke auf. Das kurze Stillen einer Mutter zwischen zwei Übungen wirkt auch auf die restliche Gruppe nährend und harmonisierend, es ruft Gefühle von Geborgenheit wach.

Ankommen in der Gruppe – Ankommen im Körper – Ankommen in Deutschland

Der Arbeitskreis unterstützt gern, wenn bei der Organisation und Durchführung eines Projektes inhaltliche oder konkrete Fragen, wie z.B. der Finanzierung auftauchen. Viele Yogalehrende sind mit traumatisierten Teilnehmenden konfrontiert. Viele Therapeuten machen selbst Yoga und möchten es in ihre Arbeit integrieren, bzw. tun dies bereits. Eine Vernetzung der verschiedenen Berufsgruppen und ein fachlicher Austausch sind für beide Berufsgruppen eine enorme Bereicherung. Weiter- und Ausbildungen zu diesem Thema finden sich unter www.traumasensiblesyoga.de

Die Autoren

Angela Dunemann, Dipl. Sozialpäd., Yogalehrerin, Traumatherapeutin, HP Psychotherapie

Sylvia Reschke, Yogalehrerin BDY/EYU, systemische Traumatherapeutin und Ethnologin (M.A.)

Katrin Funke, Trauma-Yogatherapeutin (TSY), Heilpraktikerin für Psychotherapie, Pädagogin (M.A.)

Joachim Pfahl, Bachelor of Science, Yogalehrer, Meditationslehrer, Trauma-Yoga-Therapeut

Regina Weiser, Dipl. Psych., Psychotherapeutin, Traumatherapeutin und Yogalehrerin

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